Copy & Paste ist keine Ansprache

Warum generische Recruiting-Nachrichten selten echte Gespräche auslösen.

In der IT-Branche zu arbeiten und auf LinkedIn oder Xing sichtbar zu sein, führt früher oder später zu Nachrichten von Stellenvermittlern. Das gehört dazu. Und fairerweise: Ich habe durchaus gute Jobangebote erhalten, die ihren Ursprung in einer LinkedIn-Cold-Call-Nachricht hatten.

Was ebenfalls dazugehört: Nachrichten, bei denen mein Profil offenbar nicht gelesen wurde. Oder nur so, wie man AGB liest: schnell, quer und mit der festen Überzeugung, dass schon nichts wirklich Relevantes drinstehen wird.

Das Resultat sind Anfragen zu Rollen, die entweder offensichtlich nicht passen oder so generisch formuliert sind, dass sie auf nahezu jedes halbwegs branchenorientierte IT-Profil zutreffen. Nachdem ich die Nachricht bereits gelesen habe, investiere ich trotzdem oft noch einen Moment. Ich überlege kurz. Antworte höflich. Manchmal versuche ich auch herauszufinden, für welches Unternehmen eigentlich rekrutiert wird. Schliesslich möchte man nicht einfach „irgendwo“ arbeiten.

Erstaunlich viele Vermittler machen aber genau daraus ein Geheimnis. Man soll Interesse zeigen, bevor man weiss, wofür.

Recruiting ist kein Rätselspiel

Ich verstehe Recruiter und Headhunter grundsätzlich. Potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten zu finden, erinnert stark an Online-Dating: Es ist bis zu einem gewissen Grad ein Numbers Game. Je mehr Kontakte, desto wahrscheinlicher zumindest ein Treffer. Nur: Auf Dating-Plattformen hat sich inzwischen herumgesprochen, dass Copy-&-Paste-Ansprachen und austauschbare Standardtexte selten zu echten Gesprächen führen.

Bei manchen Recruiting-Anfragen scheint dieses Memo noch nicht angekommen zu sein.

Natürlich gibt es auch die anderen: Recruiterinnen und Recruiter, die sauber recherchieren, eine Rolle nachvollziehbar einordnen, offen kommunizieren und erklären können, warum sie gerade diese Person kontaktieren. Solche Nachrichten fallen sofort positiv auf. Gerade deshalb wirken die generischen Massenanschreiben umso irritierender.

„Liebe/r“ ist kein guter Anfang

Letzthin erreichte mich auf LinkedIn eine Anfrage in dieser Art:

Neues Stellenangebot – HPE Engineer an diversen Standorten

Liebe/r Timo Hofmann
Für unseren Kunden suchen wir für eine Festanstellung eine/n Engineer mit folgendem Know-how:

  • HPE Server
  • Storage
  • Backup-Spezialist mit Zertifikat
  • Deutsch

„Liebe/r“. Wirklich?

Die genannten Kompetenzen lassen sich mit einem sehr kurzen Blick auf mein Profil so pauschal bejahen, wie sie formuliert sind. Aber sie sagen nichts über notwendige Erfahrung, Tiefe, Kontext oder tatsächliche Eignung aus. Welche Rolle? Welche Verantwortung? Welcher Kunde? Welche Umgebung? Projekt oder Betrieb? Engineering, Architektur oder Support? Seniorität? Gestaltungsspielraum? Warum gerade ich? Mit etwas mehr Substanz könnte ich in wenigen Sekunden abschätzen, ob ein Gespräch sinnvoll wäre.

So bleibt nur Clickbait.

Ein kleiner Dating-Vergleich

Übertragen wir dieses Vorgehen kurz in die Dating-Welt. Ich, männlich, hetero, mittleren Alters, suche langfristige Partnerin und schreibe der fiktiven Userin Butterblume85:

Liebe/r Butterblume85

Für mich, flexibler Lebensmittelpunkt, Option Homeoffice, suche ich zur langfristigen partnerschaftlichen Bindung eine Person mit folgenden Kernkompetenzen:

  • weibliches Erscheinungsbild
  • Humor
  • Kochen, idealerweise zertifiziert
  • Deutsch

Passt das? Dann gerne CV schicken.

Niemand käme ernsthaft auf die Idee, auf dieser Basis eine Beziehung aufzubauen. Warum sollte es beruflich funktionieren?

Gute Ansprache ist nicht kompliziert

Gute Kontaktaufnahme ist im Dating wie im Recruiting eigentlich simpel:

Man weiss, wen man warum anschreibt.

Man macht transparent, worum es geht.

Man zeigt, dass man sich mit der Person beschäftigt hat.

Und man überlässt der anderen Seite nicht das Rätselraten über Inhalt, Absicht und Beteiligte.

Eine gute Recruiting-Nachricht muss nicht lang sein. Sie muss auch nicht anbiedernd wirken. Aber sie sollte erkennen lassen, dass sie nicht blind aus einem Suchfilter gefallen ist.

Zum Beispiel:

  • Warum wird genau diese Person kontaktiert?
  • Welche Rolle steht im Raum?
  • Was ist der Kontext der Stelle?
  • Was macht die Position relevant?
  • Welche Punkte aus dem Profil passen konkret?
  • Was ist noch offen oder bewusst unklar?

Das reicht oft schon.

Was bleibt

Copy & Paste ist keine Ansprache. Weder beruflich noch privat.

Wer echte Gespräche auslösen will, muss mehr bieten als eine Liste grober Schlagwörter und die Hoffnung, dass sich die angesprochene Person den Sinn schon selbst zusammenreimt. Gerade in einem Markt, in dem viele über Fachkräftemangel sprechen, ist schlechte Ansprache kein Nebenschauplatz. Sie ist Teil des Problems.

Denn gute Leute reagieren nicht auf generische Nachrichten.

Sie reagieren auf Relevanz.