Warum technologische Abhängigkeiten strategisch bewertet werden müssen, ohne daraus Ideologie zu machen.
Neulich verlieh die FIFA einen Friedenspreis an Donald Trump.
Ich lasse das kurz wirken.
Es war einer dieser Momente, in denen man gleichzeitig staunen, lachen und innerlich einen Schritt zurücktreten möchte. Ein Ereignis irgendwo zwischen Selbstinszenierung, Realitätsverschiebung und der Frage, wer eigentlich bestimmt, was plötzlich als normal gelten soll.
Während ich Berichte und Kommentare dazu las, fiel mir wieder auf, wie leicht mächtige Organisationen Narrative setzen können. Sie verschieben Leitplanken, definieren Deutungen und prägen damit, was akzeptabel, plausibel oder selbstverständlich erscheint. In der digitalen Welt geschieht genau das jeden Tag. Nur leiser.
Damit sind wir bei einem Thema, das mich seit einiger Zeit stark beschäftigt: digitale Souveränität und digitale Unabhängigkeit.
Diese Begriffe tauchen inzwischen häufiger in Medien, Blogs, Kolumnen und LinkedIn-Beiträgen auf. Und das zu Recht, denn die Risiken sind unbestreitbar: Monopolstellungen, einseitige Abhängigkeiten, fragliche Datenhoheit, steigende Kosten, fehlende Exit-Strategien und politische Einflussmöglichkeiten über technische Infrastrukturen.
Es ist eine eindrückliche Liste von Problemen. Und vieles davon haben wir uns mit offenen Augen selbst eingebrockt.
Bequemlichkeit ist selten neutral
Digitale Abhängigkeiten entstehen selten durch einen grossen, dramatischen Entscheid. Meist entstehen sie schrittweise. Ein neues Tool hier. Ein bequemer Cloudservice da. Eine Integration, die Zeit spart. Ein proprietäres Format, das gerade praktisch ist. Eine Plattform, die ohnehin alle kennen. Eine Funktion, die intern niemand mehr selbst betreiben möchte.
Jeder einzelne Entscheid kann nachvollziehbar sein. Zusammen können sie aber eine Lage schaffen, in der kritische Prozesse, Behördenstrukturen, Geschäftsmodelle oder Wissensarbeit von Systemen abhängen, die ausserhalb des eigenen Einflussbereichs liegen. Das Problem ist nicht, dass Anbieter böse Absichten haben müssen. Das Problem ist, dass Abhängigkeit ein ausgesprochen gut funktionierendes Geschäftsmodell sein kann.
Wenn Lieferantenwechsel faktisch unmöglich werden, weil Datenformate, Schnittstellen, Identitäten, Prozesse, KI-Modelle, Automatisierung und Benutzergewohnheiten eng an eine Plattform gebunden sind, wird aus Komfort irgendwann Struktur. Und aus Struktur wird Abhängigkeit.
Die gefährlichste Abhängigkeit ist die, die man nicht mehr bemerkt.
Nicht jedes Problem ist mit Open Source gelöst
In der Debatte um digitale Souveränität wird Open Source oft als Gegenmodell genannt. Das ist richtig — aber nicht ausreichend.
Open Source ist kein Zauberstab. Kein moralisches Gütesiegel. Kein automatischer Sicherheitsnachweis. Und schon gar keine Garantie für gute Architektur, stabile Finanzierung oder professionellen Betrieb. Aber Open Source hat einen entscheidenden Vorteil: Sie kann Gestaltungshoheit ermöglichen.
Quelloffene Software schafft Transparenz. Sie erlaubt Prüfung, Anpassung, Weiterentwicklung, unabhängigen Betrieb und den Wechsel von Dienstleistern. Sie kann echte Exit-Strategien ermöglichen und verhindert, dass kritische Fähigkeiten vollständig in geschlossenen Plattformen verschwinden.
Die Lizenzform allein reicht allerdings nicht. Entscheidend ist auch:
- Wer kontrolliert die Roadmap?
- Wer finanziert die Weiterentwicklung?
- Wer betreibt die Infrastruktur?
- Wer kann Anpassungen vornehmen?
- Wer profitiert vom Geschäftsmodell?
- Wer trägt Verantwortung, wenn es kritisch wird?
Oder kürzer: cui bono?
Pragmatismus statt Dogmatismus
Dogmatisch alles abzulehnen, was proprietär oder ausserhalb Europas entwickelt wurde, wäre genauso falsch wie blind weiterzumachen wie bisher. Die entscheidende Frage ist nicht die Nationalität einer Software. Entscheidend ist, wer faktisch Kontrolle über Entwicklung, Finanzierung, Daten, Schnittstellen, Betrieb und strategische Ausrichtung besitzt.
Dort, wo proprietäre Lösungen echten Mehrwert bringen, gut beherrschbar sind und tragfähige Exit-Optionen bestehen, können sie sinnvoll sein. Dort, wo kritische Fähigkeiten, sensible Daten, hoheitliche Aufgaben oder langfristige Handlungsfähigkeit betroffen sind, muss genauer hingeschaut werden.
Digitale Souveränität bedeutet nicht, alles selbst zu bauen. Sie bedeutet, bewusst entscheiden zu können.
Machtverhältnisse haben sich verschoben
Was sich im Vergleich zu früher drastisch verändert hat, ist die Asymmetrie der Machtverhältnisse. Selbst wohlhabende europäische Staaten haben in der digitalen Welt kaum eine technische Industrie im Rücken, die mit den Plattformgiganten aus den USA oder China auf Augenhöhe mithalten kann. Wir sprechen von Unternehmen, deren Forschungs-, Entwicklungs- und Investitionsbudgets teilweise die finanziellen Möglichkeiten ganzer Staaten übersteigen.
Es wäre naiv zu glauben, dass politischer Wille allein genügt.
Wer mit solchen Akteuren verhandelt, verhandelt oft nicht auf Augenhöhe. Umso wichtiger ist ein technologischer Unterbau, der Organisationen, Verwaltungen und Gesellschaften nicht erpressbar macht. Das gilt für Cloudplattformen, Bürosoftware, Identitätsdienste, Kommunikationslösungen, Datenplattformen und zunehmend auch für KI-Modelle.
Es bewegt sich etwas
Erfreulich ist: Das Thema wird ernster genommen. Öffentliche Institutionen, Verwaltungen, Hochschulen, Spitäler und Schulen beginnen, digitale Souveränität nicht mehr nur als abstraktes Schlagwort zu behandeln. Manche werden konkret.
Das österreichische Bundesheer ist ein Beispiel: Die Umstellung von Microsoft Office auf LibreOffice ist kein kleiner symbolischer Akt, sondern ein reales Signal. Nicht weil LibreOffice per se magisch besser wäre. Sondern weil damit eine bewusste Entscheidung für mehr Kontrolle, Unabhängigkeit und interne Datenverarbeitung getroffen wurde.
Auch Initiativen wie Apertus zeigen, dass offene und nachvollziehbare technologische Grundlagen im KI-Zeitalter nicht nur wünschenswert, sondern notwendig werden. Gerade bei KI stellt sich die Souveränitätsfrage besonders scharf: Wer kontrolliert Modelle, Trainingsdaten, Betriebsumgebung, Zugang, Weiterentwicklung und Einsatzbedingungen?
Solche Projekte lösen nicht über Nacht die strukturellen Abhängigkeiten Europas. Aber sie verschieben die Richtung.
Souveränität entsteht nicht durch Parolen
Die wirksamsten Initiativen entstehen oft nicht als grosse politische Überschrift, sondern bottom-up: Verwaltungen, Hochschulen, Spitäler, Schulen oder Unternehmen, die sich zusammentun, gemeinsame Plattformen aufbauen, offene Standards nutzen, Alternativen prüfen und Betriebskompetenz bewusst erhalten. Getrieben aus Notwendigkeit, nicht (vor allem) aus Idealismus.
Denn digitale Souveränität ist am Ende kein romantisches Open-Source-Projekt. Sie ist Betriebs-, Architektur-, Beschaffungs- und Governance-Arbeit. Sie entsteht durch Standards, Schnittstellen, Architekturentscheide, Datenmodelle, Vertragsgestaltung, Kompetenzen, Betriebsfähigkeit und realistische Exit-Szenarien. Und dadurch ist sie auch unbequem.
Sie verlangt, nicht immer den einfachsten Weg zu nehmen. Sie verlangt, kurzfristige Bequemlichkeit gegen langfristige Handlungsfähigkeit abzuwägen. Sie verlangt, dass Organisationen technologische Entscheidungen nicht nur als Beschaffung, sondern als strategische Weichenstellung verstehen.
Was bleibt
Digitale Souveränität ist kein Kampf gegen andere Länder oder Unternehmen. Sie ist der Versuch, digitale Entscheidungen wieder selbst treffen zu können. Nicht alles muss offen sein. Nicht alles muss selbst betrieben werden. Nicht jede Abhängigkeit ist gefährlich. Aber kritische Abhängigkeiten müssen erkannt, bewertet und bewusst gestaltet werden.
Die zentrale Frage lautet:
Wollen wir unsere digitale Zukunft aktiv gestalten — oder lassen wir uns digital fremdverwalten?
Je später wir damit beginnen, diese Frage ernsthaft zu beantworten, desto selbstverständlicher werden andere für uns entscheiden.