{"id":147,"date":"2025-12-20T11:03:00","date_gmt":"2025-12-20T11:03:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.t27.ch\/?p=147"},"modified":"2026-05-16T11:31:08","modified_gmt":"2026-05-16T11:31:08","slug":"digitale-souveraenitaet-ist-kein-bauchgefuehl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.t27.ch\/index.php\/2025\/12\/20\/digitale-souveraenitaet-ist-kein-bauchgefuehl\/","title":{"rendered":"Digitale Souver\u00e4nit\u00e4t ist kein Bauchgef\u00fchl"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Warum technologische Abh\u00e4ngigkeiten strategisch bewertet werden m\u00fcssen, ohne daraus Ideologie zu machen.<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neulich verlieh die FIFA einen Friedenspreis an Donald Trump.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich lasse das kurz wirken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war einer dieser Momente, in denen man gleichzeitig staunen, lachen und innerlich einen Schritt zur\u00fccktreten m\u00f6chte. Ein Ereignis irgendwo zwischen Selbstinszenierung, Realit\u00e4tsverschiebung und der Frage, wer eigentlich bestimmt, was pl\u00f6tzlich als normal gelten soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend ich Berichte und Kommentare dazu las, fiel mir wieder auf, wie leicht m\u00e4chtige Organisationen Narrative setzen k\u00f6nnen. Sie verschieben Leitplanken, definieren Deutungen und pr\u00e4gen damit, was akzeptabel, plausibel oder selbstverst\u00e4ndlich erscheint. In der digitalen Welt geschieht genau das jeden Tag. Nur leiser.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit sind wir bei einem Thema, das mich seit einiger Zeit stark besch\u00e4ftigt: digitale Souver\u00e4nit\u00e4t und digitale Unabh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Begriffe tauchen inzwischen h\u00e4ufiger in Medien, Blogs, Kolumnen und LinkedIn-Beitr\u00e4gen auf. Und das zu Recht, denn die Risiken sind unbestreitbar: Monopolstellungen, einseitige Abh\u00e4ngigkeiten, fragliche Datenhoheit, steigende Kosten, fehlende Exit-Strategien und politische Einflussm\u00f6glichkeiten \u00fcber technische Infrastrukturen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist eine eindr\u00fcckliche Liste von Problemen. Und vieles davon haben wir uns mit offenen Augen selbst eingebrockt.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Bequemlichkeit ist selten neutral<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Digitale Abh\u00e4ngigkeiten entstehen selten durch einen grossen, dramatischen Entscheid. Meist entstehen sie schrittweise. Ein neues Tool hier. Ein bequemer Cloudservice da. Eine Integration, die Zeit spart. Ein propriet\u00e4res Format, das gerade praktisch ist. Eine Plattform, die ohnehin alle kennen. Eine Funktion, die intern niemand mehr selbst betreiben m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jeder einzelne Entscheid kann nachvollziehbar sein. Zusammen k\u00f6nnen sie aber eine Lage schaffen, in der kritische Prozesse, Beh\u00f6rdenstrukturen, Gesch\u00e4ftsmodelle oder Wissensarbeit von Systemen abh\u00e4ngen, die ausserhalb des eigenen Einflussbereichs liegen. Das Problem ist nicht, dass Anbieter b\u00f6se Absichten haben m\u00fcssen. Das Problem ist, dass Abh\u00e4ngigkeit ein ausgesprochen gut funktionierendes Gesch\u00e4ftsmodell sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn Lieferantenwechsel faktisch unm\u00f6glich werden, weil Datenformate, Schnittstellen, Identit\u00e4ten, Prozesse, KI-Modelle, Automatisierung und Benutzergewohnheiten eng an eine Plattform gebunden sind, wird aus Komfort irgendwann Struktur. Und aus Struktur wird Abh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gef\u00e4hrlichste Abh\u00e4ngigkeit ist die, die man nicht mehr bemerkt.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Nicht jedes Problem ist mit Open Source gel\u00f6st<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Debatte um digitale Souver\u00e4nit\u00e4t wird Open Source oft als Gegenmodell genannt. Das ist richtig \u2014 aber nicht ausreichend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Open Source ist kein Zauberstab. Kein moralisches G\u00fctesiegel. Kein automatischer Sicherheitsnachweis. Und schon gar keine Garantie f\u00fcr gute Architektur, stabile Finanzierung oder professionellen Betrieb. Aber Open Source hat einen entscheidenden Vorteil: Sie kann Gestaltungshoheit erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Quelloffene Software schafft Transparenz. Sie erlaubt Pr\u00fcfung, Anpassung, Weiterentwicklung, unabh\u00e4ngigen Betrieb und den Wechsel von Dienstleistern. Sie kann echte Exit-Strategien erm\u00f6glichen und verhindert, dass kritische F\u00e4higkeiten vollst\u00e4ndig in geschlossenen Plattformen verschwinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Lizenzform allein reicht allerdings nicht. Entscheidend ist auch:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Wer kontrolliert die Roadmap?<\/li>\n\n\n\n<li>Wer finanziert die Weiterentwicklung?<\/li>\n\n\n\n<li>Wer betreibt die Infrastruktur?<\/li>\n\n\n\n<li>Wer kann Anpassungen vornehmen?<\/li>\n\n\n\n<li>Wer profitiert vom Gesch\u00e4ftsmodell?<\/li>\n\n\n\n<li>Wer tr\u00e4gt Verantwortung, wenn es kritisch wird?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oder k\u00fcrzer: cui bono?<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Pragmatismus statt Dogmatismus<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dogmatisch alles abzulehnen, was propriet\u00e4r oder ausserhalb Europas entwickelt wurde, w\u00e4re genauso falsch wie blind weiterzumachen wie bisher. Die entscheidende Frage ist nicht die Nationalit\u00e4t einer Software. Entscheidend ist, wer faktisch Kontrolle \u00fcber Entwicklung, Finanzierung, Daten, Schnittstellen, Betrieb und strategische Ausrichtung besitzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dort, wo propriet\u00e4re L\u00f6sungen echten Mehrwert bringen, gut beherrschbar sind und tragf\u00e4hige Exit-Optionen bestehen, k\u00f6nnen sie sinnvoll sein. Dort, wo kritische F\u00e4higkeiten, sensible Daten, hoheitliche Aufgaben oder langfristige Handlungsf\u00e4higkeit betroffen sind, muss genauer hingeschaut werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Digitale Souver\u00e4nit\u00e4t bedeutet nicht, alles selbst zu bauen. Sie bedeutet, bewusst entscheiden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Machtverh\u00e4ltnisse haben sich verschoben<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was sich im Vergleich zu fr\u00fcher drastisch ver\u00e4ndert hat, ist die Asymmetrie der Machtverh\u00e4ltnisse. Selbst wohlhabende europ\u00e4ische Staaten haben in der digitalen Welt kaum eine technische Industrie im R\u00fccken, die mit den Plattformgiganten aus den USA oder China auf Augenh\u00f6he mithalten kann. Wir sprechen von Unternehmen, deren Forschungs-, Entwicklungs- und Investitionsbudgets teilweise die finanziellen M\u00f6glichkeiten ganzer Staaten \u00fcbersteigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es w\u00e4re naiv zu glauben, dass politischer Wille allein gen\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer mit solchen Akteuren verhandelt, verhandelt oft nicht auf Augenh\u00f6he. Umso wichtiger ist ein technologischer Unterbau, der Organisationen, Verwaltungen und Gesellschaften nicht erpressbar macht. Das gilt f\u00fcr Cloudplattformen, B\u00fcrosoftware, Identit\u00e4tsdienste, Kommunikationsl\u00f6sungen, Datenplattformen und zunehmend auch f\u00fcr KI-Modelle.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Es bewegt sich etwas<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erfreulich ist: Das Thema wird ernster genommen. \u00d6ffentliche Institutionen, Verwaltungen, Hochschulen, Spit\u00e4ler und Schulen beginnen, digitale Souver\u00e4nit\u00e4t nicht mehr nur als abstraktes Schlagwort zu behandeln. Manche werden konkret.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das \u00f6sterreichische Bundesheer ist ein Beispiel: Die Umstellung von Microsoft Office auf LibreOffice ist kein kleiner symbolischer Akt, sondern ein reales Signal. Nicht weil LibreOffice per se magisch besser w\u00e4re. Sondern weil damit eine bewusste Entscheidung f\u00fcr mehr Kontrolle, Unabh\u00e4ngigkeit und interne Datenverarbeitung getroffen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch Initiativen wie Apertus zeigen, dass offene und nachvollziehbare technologische Grundlagen im KI-Zeitalter nicht nur w\u00fcnschenswert, sondern notwendig werden. Gerade bei KI stellt sich die Souver\u00e4nit\u00e4tsfrage besonders scharf: Wer kontrolliert Modelle, Trainingsdaten, Betriebsumgebung, Zugang, Weiterentwicklung und Einsatzbedingungen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Solche Projekte l\u00f6sen nicht \u00fcber Nacht die strukturellen Abh\u00e4ngigkeiten Europas. Aber sie verschieben die Richtung.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Souver\u00e4nit\u00e4t entsteht nicht durch Parolen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die wirksamsten Initiativen entstehen oft nicht als grosse politische \u00dcberschrift, sondern bottom-up: Verwaltungen, Hochschulen, Spit\u00e4ler, Schulen oder Unternehmen, die sich zusammentun, gemeinsame Plattformen aufbauen, offene Standards nutzen, Alternativen pr\u00fcfen und Betriebskompetenz bewusst erhalten. Getrieben aus Notwendigkeit, nicht (vor allem) aus Idealismus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn digitale Souver\u00e4nit\u00e4t ist am Ende kein romantisches Open-Source-Projekt. Sie ist Betriebs-, Architektur-, Beschaffungs- und Governance-Arbeit. Sie entsteht durch Standards, Schnittstellen, Architekturentscheide, Datenmodelle, Vertragsgestaltung, Kompetenzen, Betriebsf\u00e4higkeit und realistische Exit-Szenarien. Und dadurch ist sie auch unbequem.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie verlangt, nicht immer den einfachsten Weg zu nehmen. Sie verlangt, kurzfristige Bequemlichkeit gegen langfristige Handlungsf\u00e4higkeit abzuw\u00e4gen. Sie verlangt, dass Organisationen technologische Entscheidungen nicht nur als Beschaffung, sondern als strategische Weichenstellung verstehen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was bleibt<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Digitale Souver\u00e4nit\u00e4t ist kein Kampf gegen andere L\u00e4nder oder Unternehmen. Sie ist der Versuch, digitale Entscheidungen wieder selbst treffen zu k\u00f6nnen. Nicht alles muss offen sein. Nicht alles muss selbst betrieben werden. Nicht jede Abh\u00e4ngigkeit ist gef\u00e4hrlich. Aber kritische Abh\u00e4ngigkeiten m\u00fcssen erkannt, bewertet und bewusst gestaltet werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zentrale Frage lautet:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wollen wir unsere digitale Zukunft aktiv gestalten \u2014 oder lassen wir uns digital fremdverwalten?<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Je sp\u00e4ter wir damit beginnen, diese Frage ernsthaft zu beantworten, desto selbstverst\u00e4ndlicher werden andere f\u00fcr uns entscheiden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Digitale Souver\u00e4nit\u00e4t bedeutet nicht, alles selbst zu bauen. 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